Bangladesch

Zweiter Wochenbericht

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30/06/2018

Unsere Woche beginnt, nicht wie gewohnt am Montag, sondern am Sonntag. Im muslimisch geprägten Bangladesch ist der Freitag entsprechend dem christlichen Sonntag und somit Ruhe- und Bettag.

Als einer der ersten Patienten stellt sich eine hochschwangere Frau mit Unwohlsein und Schwindel vor. Hier sind besonders Infektionen und Gestosen (umgangssprachlich Schwangerschaftsvergiftungen) wichtige Differenzialdiagnosen, die es zu beachten gibt. Der Blutdruck liegt im grünen Bereich. Ein positiver Urinbefund bringt die entscheidenden Hinweise. Die Dame hat einen Harnwegsinfekt. Ich versuche mich als nebenberuflicher Geburtshelfer und halte den Schallkopf auf den prallen Bauch. Das Baby ist nicht zu übersehen. Die Mutti strahlt, als sie ihr Kind auf dem kleinen mobilen Ultraschallmonitor sieht. Ich empfinde den Herzschlag als regelmäßig und somit attestiere ich keinen kindlichen Stress. Auch die Fruchtwassermengen sehen adäquat aus. Bei der Darstellung des Geschlechts scheitere ich jedoch. Es wird eine Überraschung bleiben. Trotz Überredungsversuchen wird sie ihr Kind (so, wie bereits die ersten drei) ebenfalls zu Hause gebären. Auch wenn die Muttersterblichkeitsrate von Bangladesch mit 176 Todesfällen auf 100.000 Geburten 1 hoch erscheint (Vergleich Deutschland 6/100.000 Geburten, Daten von 2015 2), so wurden in den letzten Jahrzehnten großartige Erfolge bei der Umsetzung der UN Millennium Development Goals erzielt und die Mütter- und Kindersterblichkeit deutlich reduziert. 3

Der nächste Patient ist mir noch von der ersten Woche bekannt. Es ist unser Ersatzfahrer (etwas 60 Jahre), der in der vergangenen Woche (wegen der Feiertage) unseren Einsatzwagen gesteuert hatte. Ein positiver Urinbefund ließ mich damals die Diagnose eines Harnwegsinfektes stellen. Eine antibiotische und schmerzlindernde Therapie wurde mit Ihm besprochen. Die Schmerzen sind in der aktuellen Woche auch gut rückläufig, jedoch beschreibt er weiterhin das brennende Gefühl beim Wasserlassen. Zudem fällt eine Lymphknotenschwellung auf und er berichtet über gelegentlichen Ausfluss aus der Harnröhre. Anschließend passiert etwas, was ich nicht für möglich gehalten hätte. Er offenbart uns, dass er vor ca. vier Wochen bei einer Prostituierten war und seit zwei Wochen die Symptome immer intensiver wurden. Wir schicken ihn zu einem Labor und testen auf Syphilis. In der Zwischenzeit bekommt er eine standardisierte Antibiotikatherapie, die bei vielen sexuell übertragbaren Erkrankungen Wirkung zeigen sollte.

Der nächste Tag startet mit einem vollen Wartezimmer. An diesem Ort haben wir bereits seit längerer Zeit eine feste Sprechstunde etabliert. Es gibt dementsprechend auch viele chronisch kranke Patienten, die nur wegen ihrer Dauermedikation kommen. Westliche Volkskrankheiten, wie Diabetes und Bluthochdruck sind die Klassiker. Zwischenzeitlich gibt es auch interessante Fälle, wie ein Kleinkind mit stark ausgeprägter oraler Candida-Infektion (Pilzerkrankung). Dann stellt sich eine Patientin mit anhaltendem Tremor (Zittern) der Hände vor. Eine Vorgängerin vermutete hier eine Parkinson-Erkrankung. Sie war bereits beim lokalen Neurologen vorstellig. Die empfohlene Dauermedikation haben wir hier leider immer noch nicht in unserem Repertoire. Eine Medikation erscheint auch nicht sinnvoll, denn sobald die Medikamente nicht regelmäßig bezogen werden können, sollte die Medikamenteneinnahme nicht abrupt beendet werden, denn viele Medikamente müssen behutsam auf- und abdosiert werden. Sobald diese Möglichkeit nur unzureichend gegeben ist, sollte man eher auf Grund der zu erwartenden Nebenwirkungen auf einen Therapieversuch verzichten. Diese Entscheidung zu treffen, fällt nicht leicht.

Am Nachmittag kommt der ältere Patient der vergangenen Woche mit seinem Abszess zur Verlaufskontrolle. Die Schwellung ist tatsächlich rückläufig. Nur hat er jetzt schon seit einigen Tagen Ausfluss aus seinem rechten Ohr. Ich stelle eine Entzündung des äußeren Gehörgangs (Otits externa) fest und verschreibe Ohrentropfen. Wenig später kommt eine ältere Dame die angibt, seit längerer Zeit zur Abtötung von potentiellen Würmern regelmäßig einen Schluck Kerosin zu trinken. Verdutzt frage ich nach der korrekten Übersetzung aber mein Übersetzer schmunzelt nur und wiederholt die Aussage. Wir verschreiben ihr vorsichtshalber ein herkömmliches Entwurmungsmittel und geben den Rat die Einnahme von Kerosin lieber einzustellen. Alternativ sollte sie anschließend lieber keine Zigarette rauchen. 😉

Eine Frau berichtet am nächsten Tag von merkwürdigen Veränderungen ihrer Finger- und Zehennägel. Seit längerer Zeit verfärben sich diese an ein einigen Stellen dunkelgrün und sie werden stark porös, bis sie die krankhaften Regionen schlussendlich abschneidet. Das führt neben dem kosmetischen Manko ebenfalls zu Schmerzen und die offenen Wunden sind Eintrittsstellen für weitere Krankheitserreger. Da ich auch nicht mehr weiter weiß, kontaktiere ich unseren Dermatologen in Deutschland. Am Folgetag kommt bereits eine rasche und ausführliche Antwort. Der erfahrene Kollege vermutet den Befall mit einem speziell feuchtigkeitsliebenden Bakterium (Pseudomonas aeruginosa), welches durch den häufigen Kontakt zu Wasser unter den Nägeln Kolonien gebildet hat. Ich werde in der kommenden Woche mit der Patientin die vorgeschlagenen Therapiehinweise besprechen. Eine ältere Dame fängt nach der Begrüßung sofort an zu weinen. Ich erfahre, dass sie vier Söhne hat, die sich jedoch nicht um sie kümmern und sie aktuell bei Bekannten in der Gegend unterkommen kann. Ihr Alter führt dazu, dass sie nicht mehr arbeiten und somit kein Einkommen mehr generieren kann. Wir versuchen ihr gut zuzureden. Ändern können wir nichts. Die verschriebenen Multivitamin- und Eisenpräparate werden gegen den Hunger und den Schmerz nicht weiterhelfen. Zum Abschied streichelt sie meinen Kopf und sie bedankt sich ausführlich. Unter Tränen verlässt sie unsere Sprechstunde.

Am Mittwochmorgen ist leider unser Fahrer akut erkrankt. Kein weiteres Teammitglied ist in der Lage, den Wagen zu fahren. Ein Führerschein ist keine Selbstverständlichkeit. Das Team ist zur Improvisation gezwungen. In einer Krisensitzung wird der Plan gefasst, heute per Rikscha zum Einsatzort zu fahren. Mit Tempo geht es durch die verwinkelten Gassen von Dhaka, wo gerade das Leben erwacht. Als wir ankommen, warten bereits wieder viele Patienten auf uns. An diesem Tag sehe ich einen Säugling, der mich ganz apathisch anguckt. Eine anhaltende Magendarminfektion kann, verbunden mit den hiesigen Temperaturen, rasch eine starke Dehydratation (Wassermangel) auslösen. Die Augen des Kindes sind eingefallen, die Lippen trocken und es ist sehr schwach. Ich beschließe, das Kind ins örtliche Krankenhaus einzuweisen. Leider ist durch unseren Krankheitsfall eine Verlegung mit unserem Fahrer nicht möglich. Wir reden lange und intensiv mit der Mutter, die sich daraufhin auf den Weg in die Rettungsstelle macht. Am Nachmittag stellen sich die Zwillinge Rony und Jony vor. Sie haben eine besondere Geschichte. Da sie nach ihrer Geburt sehr untergewichtig waren, wurden sie auf die damalige Fütterungsstation unseres Projekts aufgenommen. Durch die intensive Zuwendung des Teams haben sie sich hervorragend entwickelt. Nun kommen sie beide mit unsäglichem Juckreiz am gesamten Körper. Ein mittlerweile geschulter Blick und die Diagnose ist rasch gestellt. Es handelt sich bei den Zwillingen um eine Infektion mit der Krätzmilbe. Neben der medikamentösen Therapie müssen viele Hygienehinweise umgesetzt und die gesamte Familie mitbehandelt werden. Bei einem Misserfolg droht eine Reinfektion und die Therapie muss von vorn begonnen werden.

Die Woche ist dem Übergang gewidmet. Viele Leute kehren von ihren Familien auf dem Land nach Dhaka zurück. In der Stadt herrscht geschäftiges Treiben. Im Gleichschritt nimmt das Verkehrsaufkommen ebenfalls deutlich zu und wir benötigen mehr Zeit, um uns jeden Morgen und Nachmittag den Weg durch die Stadt zu bahnen. Der Regen nimmt ebenfalls an Fahrt auf und es gibt Tage, an denen es durchgehend regnet. Ein Vorgeschmack auf die kommenden Wochen …

  1. UN Daten Müttersterblichkeit Bangladesch
  2. UN Daten Müttersterblichkeit Deutschland
  3. UN Millenium Development Goals Bangladesch
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DR. JAN SANDIG
Berlin, GER

Hallo! Mein Name ist Jan Sandig. Ich wohne in Berlin und ich befinde mich in der Facharztausbildung zum Kinder- und Jugendmediziner. Ab Juni 2018 absolviere ich meinen ersten Einsatz für die Organisation German Doctors in Dhaka/Bangladesch. Ich möchte diesen Blog nutzen, um über meine Erfahrungen zu berichten. Zudem werde ich in weiteren Blogthemen auf aktuelle gesellschaftliche Themen eingehen.

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